In dieser fantastischen Traumgeschichte führt ein weißes Pferd durch leere Wüste und stille Stadt zu einem geheimnisvollen Loch voller Sterne. Eine Reise ins Unbekannte voller Wunder und Überraschungen beginnt...
Der Acker lag still unter dem frühen Licht, nur das leise Rascheln der jungen Maistriebe begleitete meine Schritte. Die Pflanzen waren noch niedrig, zart und frisch aus der Erde gestoßen. Ich ging langsam, vorsichtig, um nichts zu beschädigen, als wäre jeder Schritt ein leiser Pakt mit der Natur. Über mir zog der Himmel in sanften Blautönen dahin, und die Luft roch nach Erde und grünem Blattwerk. Nichts deutete darauf hin, dass sich etwas verändern würde, bis ich den Blick hob und merkte, dass hinter mir ein Geräusch in der Ferne anhob, ein leises, schlagendes Hufgetrappel, das sich mit dem Wind mischte.
Ich ging weiter, ohne wirklich zu wissen, wohin, und das Rascheln der Maispflanzen unterbrach meine Gedanken. Die Felder endeten allmählich, der Boden wurde härter, steinig und grau, wie ein Vorbote anderer Landschaften. Schließlich öffnete sich vor mir eine Wüste aus roten und grauen Steinen, scharfkantig und kantig. Die Sonne brannte noch nicht stark, doch die Erde schien ihre Hitze bereits zu speichern. Kein Laut außer dem Knirschen meiner eigenen Schritte und dem gelegentlichen Pfeifen des Windes.
Vor mir glitzerte etwas in der Ferne: Wasser. Ich ging weiter, und bald erkannte ich die Küste, dahinter die Stadt. Hochhäuser aus Silber erhoben sich über das Meer, glänzten im Licht wie Metall und Glas, und doch wirkte alles still, fast unheimlich. Die Straße, die von der Wüste in die Stadt führte, war ungewöhnlich breit, perfekt gerade, und ich betrat sie vorsichtig. Kein Auto, kein Mensch, kein Ton, außer dem Wind, der durch die Gebäude pfiff. Zwischen den Hochhäusern wanden sich kleine Wege, verwinkelte Gassen, Treppen und Rampen, die in Hinterhöfe führten. Alles wirkte verlassen – und doch nicht ganz. Es war, als hätte die Stadt ihr Leben nur für einen Moment angehalten, als wartete sie auf etwas, das noch kommen sollte.
Ich beobachtete die Umgebung: Licht spiegelte sich auf glatten Fassaden, Schatten zogen sich wie stille Schleier über die Straßen. Ich konnte Spuren im Sand erkennen, rot wie die Wüste, an manchen Stellen eingerahmt von silbernen Steinen. Der Strand lag nur einen Augenblick sichtbar zwischen den Gebäuden, die Wellen glitzerten in der Sonne, ein paar Spuren und Sonnenschirme ließen erahnen, dass hier Menschen gewesen sein mussten. Doch alles war leer. Ich hörte nur den Wind und die eigenen Gedanken, die leise hallten.
Ich wanderte weiter, Schritt für Schritt, ließ die Stadt auf mich wirken, betrachtete die kleinen Wege und Treppen, die sich in Hinterhöfe und Winkel schlängelten. Ich spürte die Stille in mir, das unbehagliche Gefühl der Leere, das zugleich eine merkwürdige Ruhe ausstrahlte. Nichts bewegte sich, und doch war alles lebendig, als könnte die Stadt sich jeden Moment wieder füllen. Jeder Schatten, jedes Spiegelbild in den Fassaden wirkte wie ein flüchtiges Wesen, das nur für einen Atemzug existierte.
Dann, während ich den Blick über den Strand gleiten ließ, tauchte es plötzlich auf: ein weißes Pferd, still auf der breiten Straße stehend, als hätte es die ganze Stadt beobachtet, ohne dass ich es bemerkt hätte. Es sah mich an, ruhig, aufmerksam, und ich spürte ein merkwürdiges Ziehen, das mich näher zu ihm führte. Der Wind spielte mit seiner Mähne, und in seinen Augen lag eine Mischung aus Wissen und Erwartung. Ich blieb stehen, unsicher, aber fasziniert, und beobachtete, wie es den Kopf leicht senkte und schnaufte.
Plötzlich bebte der Boden leicht, und vor uns tat sich ein großes, viereckiges Loch auf. Die Kanten waren scharf, als hätte jemand sie gezielt geschnitten. Vorsichtig trat ich näher, und mein Blick fiel hinein – nicht in Dunkelheit, sondern in ein funkelndes Sternenmeer. Die Mondsichel hing schmal und leuchtend in der schwarzen Weite, die Sterne blitzten und flimmerten, nah und doch unerreichbar. Ich hielt den Atem an, überwältigt von der Schönheit und der stillen Unendlichkeit.
Das Pferd schnaubte aufgeregt, spannte seine Muskeln, stieg leicht in die Luft und schwebte über den Rand des Lochs. Dann sprang es mit einem Satz hinein und verschwand in den Sternen. Ich sah ihm nach, wie es galoppierte, frei und sicher, als gäbe es keinen Boden mehr, nur Licht, Raum und Bewegung. Es war nicht hilflos, sondern vollkommen in seinem Element, und ich spürte eine seltsame Mischung aus Staunen, Sehnsucht und Ruhe in mir.
Ich blieb noch lange stehen, den Blick auf das Sternenmeer gerichtet. Die Stadt hinter mir, der rote Sand, die silbernen Steine – alles war ruhig, wie eingefroren in diesem Moment zwischen Traum und Wirklichkeit. Dann drehte ich mich langsam um, spürte die Wüste unter meinen Füßen, hörte das Rascheln der Maispflanzen in der Ferne, und wusste, dass ich bald zurückkehren würde, zu dem Anfang, zu den Pflanzen, zu dem Ort, an dem alles begann.
Text & Illustration: Bettina Garbisch