Eine traumhafte Kurzgeschichte: Hoch über der Landschaft wacht eine riesige weiße Katze und weist den Weg zum Meer. Eine geheimnisvolle Reise voller Sterne, Nacht und Erwartungen beginnt.

Ich wanderte an einer Autobahn entlang, doch sie war vollkommen leer. Kein Auto, kein fernes Rauschen, kein Motorengeräusch. Der Asphalt zog sich wie ein breites, graues Band durch die Landschaft, sauber und still, als wäre er vergessen worden. Links und rechts breiteten sich weite Wiesen aus, sanft gewellt, durchzogen von vereinzelten Bäumen, die auf kleinen Hügeln standen und ruhig in den Himmel ragten. Der Wind strich durch das Gras, bewegte es in langsamen Wellen, und ich hörte nur meine Schritte und das leise Rascheln der Halme.

 

Hinter den Wiesen floss ein breiter Fluss. Sein Wasser glitt ruhig dahin, spiegelte den Himmel und die Hügel, als würde er alles sammeln, was um ihn herum lag. Auf der anderen Seite erhob sich eine Stadt. Ihre Gebäude wirkten kompakt und dicht, doch nicht bedrohlich. Dahinter stiegen hohe, grasbewachsene Hügel an, größer und mächtiger als alles zuvor. In einer Talsenke, direkt über der Stadt, lag etwas Weißes, Großes, Unfassbares.

 

Erst als ich näherkam, erkannte ich es: eine riesige weiße Katze, zusammengerollt im Gras, schlafend. Ihr Fell wirkte weich und leicht schimmernd, fast durchsichtig, als sei sie mehr Idee als Körper. Ein Katzengeist, dachte ich, ohne zu wissen, woher dieser Gedanke kam. Als ich auf sie zulief, öffnete sie langsam die Augen. Ihr Blick war ruhig und verschlafen, ohne Überraschung, als hätte sie mich längst erwartet. Sie streckte sich gemächlich, ließ ihre Glieder lang werden, leckte sich kurz über eine Pfote und sah dann wieder zu mir hinunter.

 

„Du gehörst nicht hierher“, sagte sie mit tiefer, gelassener Stimme. „Du solltest hinunter zum Strand gehen.“

Mit einer leichten Bewegung ihres Kopfes deutete sie hinter sich.

Ich blickte suchend in die Richtung, die sie meinte. „Ich kann keinen Strand sehen“, rief ich zu ihr hinauf.

„Er ist dort unten“, antwortete sie ruhig.

„Wie komme ich dorthin? Du versperrst mir den Weg.“

Die Katze blinzelte träge. „Dann geh’ halt einen Umweg.“

„Das ist zu weit für mich.“

Sie schwieg einen Moment, betrachtete mich, als würde sie abwägen. Dann seufzte sie leise. „Na gut. Dann will ich dir helfen.“

 

Sie senkte ihren mächtigen Rücken, und ich stieg vorsichtig auf ihr Fell. Es fühlte sich warm an und fest, und doch schien es mich mühelos zu tragen. Mit langsamen, sicheren Schritten setzte sich die Katze in Bewegung. Wir glitten den Hang hinab, vorbei an Gras, Steinen und kleinen Mulden, bis sich die Landschaft öffnete und der Strand vor uns lag.

 

Der Sand schimmerte kupferrot im Licht, fein und gleichmäßig, als wäre er aus Metallstaub. Überall lagen vereinzelt Steine, glatt und rund, manche hell, manche dunkel, als hätten sie lange Geschichten hinter sich. Als ich von der Katze abstieg, fiel mein Blick auf einen gelben Ball und eine Muschel zu meinen Füßen. Ich bückte mich, um sie aufzuheben.

„Nein“, sagte die Katze ruhig. „Die sind nicht für dich. Du bist doch kein Kind mehr.“

Sie hob den Kopf und sah hinaus aufs Meer. „Das da ist für dich.“

 

Am Horizont näherte sich ein Segelschiff. Es glitt ruhig über das Wasser, die Segel hell im Licht, fast lautlos. Ein Mann stand am Steuer. Die Katze blickte wieder zu mir hinunter. „Ich gehe jetzt wieder schlafen“, sagte sie und gähnte herzhaft. „Du aber wirst auf eine Reise gehen.“ Sie wandte sich ab, und für einen Moment hatte ich den Eindruck, als würde sie leise pfeifen, ein kaum hörbares Lied, während sie den Weg zurück einschlug.

 

Das Schiff erreichte den Strand. Der Mann stieg aus und half mir an Bord. Er hatte dunkle, sehr kurze Haare, eine dunkle, ruhige Stimme, und ein Bart umspielte sein Kinn. Als er mich ansah, glaubte ich zu erkennen, dass seine Augen blau waren – so blau wie ein Sommerhimmel. Wir lösten uns vom Ufer, und während das Schiff sich vom Strand entfernte, senkte sich die Nacht über das Meer.

 

Der Himmel füllte sich mit funkelnden Sternen, eine schmale Mondsichel stand über dem Wasser. Als wir hinaussegelten, blickte ich noch einmal zurück. Hoch über der Stadt, in der Talsenke zwischen den Hügeln, lag die weiße Katze wieder zusammengerollt im Gras. Sie schlief, ruhig und unbeweglich, als wäre sie nie fort gewesen.

 

Dann trug uns das Schiff weiter hinaus, hinein in die Nacht und über das dunkle, offene Meer.

Text & Illustration: Bettina Garbisch

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