In einem verwunschenen Schlosspark begegnet mir ein rätselhafter Büchernarr. Zwischen fliegenden Büchern und einem geheimnisvollen Geschenk nimmt dieser Traum eine überraschende Wendung.

Der Büchernarr

 

Ich wandere durch einen alten Schlosspark. Vor mir fällt ein sanfter Hügel hinab, rechts begleitet mich ein heller Kiesweg. Zwischen den Bäumen liegt jene besondere Stille, die man nur in Träumen findet – als würde die Welt den Atem anhalten.

Langsam gehe ich den Hügel hinunter. Dort unten steht plötzlich ein Wagen. Eben war er noch nicht da.

Es ist ein alter Handkarren aus Holz mit einem weiß-rot gestreiften Stoffdach. Einen Moment lang glaube ich, darin müssten Eis oder Süßigkeiten verkauft werden. Doch statt bunter Bonbons liegen darin Bücher. Große und kleine, dicke und dünne, alte und neue Bücher füllen den Wagen bis zum Rand.

Ich bleibe stehen und frage mich, wem dieser seltsame Bücherschatz wohl gehört.

Da höre ich hinter mir ein Kichern.

Als ich mich umdrehe, steht dort ein Narr.

Sein Gewand leuchtet in Orange, Gelb und Weiß. Die Glöckchen an seiner Kappe klimpern leise, während er um mich herumtänzelt. Mal flüstert er verschwörerisch, dann wieder ruft er mit überschäumender Begeisterung:

„Möchtest du ein Buch haben? Abenteuer! Gruselgeschichten! Lustige Geschichten! Bilderbücher! Bücher über das Häkeln, das Schneidern oder ferne Länder! Hier ist Moby Dick! Dort sind antike Sagen! Schau nur, schau nur!“

Er lacht, springt und wirbelt über den Weg. Dabei schleudert er die Bücher in die Luft.

Und plötzlich geschieht etwas Wundersames. Die Bücher stürzen nicht zu Boden. Sie schweben.

Wie Schmetterlinge aus Papier kreisen sie um uns herum. Ihre Seiten flattern im Wind, während sie durch die Luft tanzen.

Staunend sehe ich ihnen nach.

„Wie viel kostet denn ein Buch?“, frage ich schließlich.

Der Narr bleibt abrupt stehen und blickt mich an, als hätte ich die seltsamste Frage der Welt gestellt. Dann lacht er.

„Kosten? Nichts! Gar nichts! Die Bücher sind umsonst! Ich verschenke sie! Ich verschenke sie alle!“

Vor Freude schlägt er ein Rad und klatscht in die Hände.

Also suche ich mir ein Buch aus. Es ist ein Abenteuerroman für Kinder. Zwischen den Seiten befinden sich wunderschöne Illustrationen, und obwohl ich längst erwachsen bin, gefällt es mir auf Anhieb.

Kaum halte ich das Buch fest, verändert sich die Stimmung. Der Narr wird still. Nicht traurig. Nicht ernst im bösen Sinn. Nur ruhig.

Sein Gesicht wirkt plötzlich friedlich.

„Ich bin frei“, sagt er leise. „Endlich frei.“

Verwundert sehe ich ihn an. „Wie meinst du das?“

Doch noch bevor er antworten kann, beginnt sich alles zu verändern. Plötzlich trage ich sein Narrenkostüm. Die orangefarbenen, gelben und weißen Stoffe umhüllen mich, und die kleinen Glöckchen klingeln bei jeder Bewegung.

Der Narr vor mir wird kleiner. Immer kleiner. Bis nur noch ein Stock übrig bleibt. Sein Kopf ist nun aus Holz geschnitzt. Die Narrenkappe sitzt noch immer auf seinem Kopf, und sein hölzernes Gesicht lächelt voller Glück und Erleichterung.

Ich nehme den Stock in die Hand. Dann begreife ich. Nun bin ich der Büchernarr. Jetzt bin ich es, die die Geschichten verschenkt. Jetzt bin ich es, der die Bücher weiterträgt.

In diesem Augenblick klingelt der Wecker. Und der Schlosspark verschwindet.

Text & Illustration: Bettina Garbisch

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